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Die neuen Regeln für Consumer Growth: Was Gründer:innen im AI-Zeitalter anders machen müssen

  • 9. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Warum die erfolgreichsten Consumer Apps nicht mehr mit Produkten beginnen


„Building a product is no longer the problem.“


Als Georgi, Gründer der Food-Community-App Tasteit, diesen Satz im Gespräch ausspricht, klingt er zunächst fast beiläufig. Tatsächlich beschreibt er jedoch eine der tiefgreifendsten Veränderungen, die der Consumer-Markt seit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke erlebt hat.


Über viele Jahre hinweg galt Produktentwicklung als die eigentliche Hürde des Unternehmertums. Wer Software entwickeln konnte, wer Zugang zu Entwicklerteams hatte und wer die finanziellen Ressourcen besaß, ein digitales Produkt auf den Markt zu bringen, verfügte automatisch über einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Heute ist das anders.


Künstliche Intelligenz hat die Eintrittsbarrieren für digitale Produkte dramatisch gesenkt. Was früher Monate dauerte, lässt sich heute innerhalb weniger Wochen entwickeln. Kleine Teams bauen Anwendungen, für die früher ganze Abteilungen notwendig gewesen wären. Die Technologie selbst wird zunehmend verfügbar, austauschbar und demokratisiert.


Genau deshalb verschiebt sich der eigentliche Wettbewerb an eine andere Stelle. Nicht das Produkt wird zur knappsten Ressource, sondern Aufmerksamkeit. Nicht die Technologie entscheidet über Erfolg oder Misserfolg, sondern die Frage, ob Menschen einer Marke vertrauen, sich mit ihrer Mission identifizieren und bereit sind, langfristig Teil ihrer Community zu werden.


Spannend ist dabei, dass sich diese Entwicklung besonders deutlich bei drei Consumer Startups beobachten lässt, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander gemeinsam haben. Famories hilft Familien dabei, Erinnerungen und Geschichten über Generationen hinweg festzuhalten. Fredi unterstützt Menschen dabei, soziale Beziehungen aufzubauen und Einsamkeit zu überwinden. Tasteit wiederum nutzt Essen als Ausgangspunkt, um Menschen miteinander zu verbinden. Drei völlig unterschiedliche Produkte, drei unterschiedliche Zielgruppen und drei unterschiedliche Märkte.


Wer den Gründer aufmerksam zuhört, erkennt schnell, dass sie alle dieselbe Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte einer neuen Wachstumslogik.


Die erfolgreichsten Consumer Apps beginnen nicht mit einer Produktidee


Auffällig ist zunächst, dass keine dieser Gründungen mit Technologie begonnen hat. Keine der Gründer spricht zuerst über Features, Algorithmen oder technische Innovationen. Stattdessen stehen gesellschaftliche Beobachtungen am Anfang der Geschichte. Bei Famories war es die Erfahrung zweier Gründer, die nach dem Tod ihrer Großväter feststellten, wie viele Erinnerungen, Geschichten und persönliche Erfahrungen für immer verloren gegangen waren. Aus dieser Erkenntnis entstand zunächst kein Geschäftsmodell, sondern eine Frage: Wie lassen sich diese Geschichten bewahren, bevor sie verschwinden?


Ähnlich verhält es sich bei Fredi. Die Gründerin Lili spricht nicht über Software, wenn sie die Entstehung ihrer App beschreibt. Sie spricht über Einsamkeit. Über Menschen, die zwar von anderen umgeben sind, aber niemanden haben, dem sie wirklich vertrauen. Über junge Erwachsene, die nach einem Umzug oder einer Trennung plötzlich merken, dass Freundschaften keineswegs selbstverständlich entstehen. Die Technologie folgt erst später. Zunächst steht die Beobachtung eines gesellschaftlichen Problems.


Auch Tasteit beginnt nicht mit einer technischen Idee, sondern mit einer kulturellen Beobachtung. Georgi beschreibt eine Welt, in der Menschen zwar ständig miteinander verbunden sind, sich gleichzeitig aber immer häufiger isoliert fühlen. Ihn beschäftigt die Frage, warum es soziale Netzwerke für Arbeit, Bilder oder Dating gibt, aber keines für eine der universellsten menschlichen Aktivitäten überhaupt: gemeinsames Essen. Die Plattform entsteht als Antwort auf diese Beobachtung und nicht als Ergebnis einer technologischen Innovation.


Genau hier zeigt sich möglicherweise die erste neue Regel für Consumer Growth im AI-Zeitalter. Erfolgreiche Consumer-Unternehmen entstehen nicht mehr primär aus technologischen Möglichkeiten. Sie entstehen aus einem tiefen Verständnis gesellschaftlicher Spannungen. Während Technologien immer schneller kopiert werden können, bleiben kulturelle Veränderungen deutlich langlebiger. Wer früh erkennt, wie sich menschliches Verhalten verändert, besitzt heute einen größeren Wettbewerbsvorteil als jemand, der lediglich die bessere technische Lösung entwickelt.


AI macht Produkte einfacher und Wachstum schwieriger


Paradoxerweise verstärkt künstliche Intelligenz diese Entwicklung zusätzlich. Denn je einfacher Produkte gebaut werden können, desto schwieriger wird es, sich über das Produkt selbst zu differenzieren. Genau deshalb wirkt Georgis Aussage zunächst so provokant und gleichzeitig so treffend. „Building a product is no longer the problem.“ Das eigentliche Problem beginnt erst danach.


Noch vor wenigen Jahren bestand die Herausforderung vieler Startups darin, überhaupt ein funktionierendes Produkt auf den Markt zu bringen. Heute gelingt dieser Schritt immer schneller. Die Folge ist jedoch nicht weniger Wettbewerb, sondern mehr Wettbewerb. Verbraucherinnen und Verbraucher sehen sich mit einer nie dagewesenen Anzahl neuer Anwendungen, Plattformen und Services konfrontiert. Aufmerksamkeit wird dadurch zur eigentlichen Knappheitsressource.


Interessanterweise führt diese Entwicklung dazu, dass klassische Startup-Dogmen an Bedeutung verlieren. Lange Zeit glaubte die Tech-Branche, dass das beste Produkt automatisch gewinnen würde. Die Interviews mit den Gründer zeichnen jedoch ein anderes Bild. Keiner von ihnen spricht ausführlich über technische Überlegenheit. Stattdessen sprechen sie über Community, Vertrauen, Identifikation und Zugehörigkeit. Sie sprechen über Dinge, die sich nicht einfach replizieren lassen.


Das erklärt auch, warum Branding plötzlich wieder strategische Relevanz bekommt. Während Produkte zunehmend austauschbar werden, gewinnen Bedeutungssysteme an Wert.


Menschen folgen nicht nur einer Anwendung. Sie folgen einer Idee. Sie folgen einer Mission. Sie folgen einem Gefühl von Zugehörigkeit.

Wer heute Consumer Growth verstehen möchte, muss deshalb weniger über Technologie sprechen und deutlich mehr über menschliches Verhalten. Genau dort entscheidet sich, welche Produkte nach dem ersten Download wieder gelöscht werden und welche langfristig Teil des Alltags ihrer Nutzer werden.



 
 
 

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