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Von Claude Code, TUCANO und einer neuen Art des Unternehmensaufbaus

  • 19. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Es gibt diese seltenen Momente, in denen man einen Raum verlässt und das Gefühl hat, dass sich gerade etwas Grundlegendes verschiebt. Nicht, weil ein neues Modell vorgestellt wurde. Nicht, weil jemand eine beeindruckende Demo gezeigt hat. Sondern weil viele einzelne Beobachtungen, die man in den vergangenen Monaten gemacht hat, plötzlich ein gemeinsames Muster ergeben. Genau dieses Gefühl hatte ich nach dem ersten Claude Founder House Event von Anthropic in Berlin.



Was mich dabei überrascht hat, war die Tatsache, dass die spannendsten Gespräche nicht um Technologie kreisten. Natürlich wurde über Modelle gesprochen, über Agenten, über Produktentwicklung und über die Geschwindigkeit, mit der sich die Möglichkeiten aktuell verändern. Doch je länger die Gespräche dauerten, desto deutlicher wurde, dass die eigentliche Diskussion längst woanders stattfindet. Nicht auf der Ebene der Technologie, sondern auf der Ebene von Entscheidungen, Prioritäten und unternehmerischem Urteilsvermögen. Eine Aussage begegnete mir dabei immer wieder in unterschiedlichen Varianten:

Die Herausforderung besteht heute nicht mehr darin, Dinge zu bauen. Die Herausforderung besteht darin, die richtigen Dinge zu bauen.

Vor wenigen Jahren war Produktentwicklung vor allem eine Frage von Ressourcen. Wer Kapital hatte, konnte Teams aufbauen. Wer Teams hatte, konnte Produkte entwickeln. Wer Produkte entwickeln konnte, hatte die Chance, Märkte zu erschließen. Diese Logik verändert sich gerade grundlegend.


Mit Werkzeugen wie Claude Code erleben wir zum ersten Mal, dass kleine Teams Dinge umsetzen können, für die früher ganze Entwicklungsabteilungen notwendig gewesen wären. Ideen lassen sich innerhalb von Stunden testen. Prototypen entstehen innerhalb weniger Tage. Workflows, die früher mehrere Spezialisten benötigt hätten, können heute von kleinen, fokussierten Teams entwickelt werden. Die Eintrittsbarrieren für Produktentwicklung sinken. Die Geschwindigkeit steigt. Und damit verschiebt sich auch der eigentliche Engpass. Eine andere Aussage, die mir besonders im Kopf geblieben ist, lautete:

„Pour everything into the part only you can do.“

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass dieser Satz die aktuelle Entwicklung besser beschreibt als jede technische Diskussion über Modelle oder Benchmarks. Denn wenn Technologie immer mehr Aufgaben übernehmen kann, wird die Frage wichtiger, welche Aufgaben ausschließlich Menschen übernehmen können. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, Probleme einzuordnen sowie relevante von irrelevanten Chancen zu unterscheiden.


Genau an diesem Punkt begann für uns drei die Geschichte von TUCANO.

Wenn man von außen auf Rethinking Places blickt, könnte man meinen, dass wir Kommunikationsprojekte umsetzen, Unternehmen bei KI-Themen begleiten oder Führungskräfte bei Thought Leadership unterstützen. All das stimmt. Gleichzeitig haben wir in den vergangenen Jahren ein anderes Muster beobachtet. Je mehr Unternehmen sich mit KI, Customer Value Communication und digitaler Transformation beschäftigen, desto größer wird der Bedarf an Orientierung. Menschen suchen nicht nach mehr Informationen. Sie suchen nach Einordnung. Sie suchen nach Kontext. Sie suchen nach Antworten auf konkrete Herausforderungen.


Mit jedem Kundenprojekt, jedem Workshop und jedem Strategiegespräch wächst dieses Wissen. Gleichzeitig entsteht ein Problem, das viele wachsende Unternehmen kennen. Die Nachfrage nach Expertise wächst schneller als die verfügbare Zeit der Menschen, die diese Expertise aufgebaut haben. Irgendwann wird nicht die Qualität zum Engpass. Sondern die Verfügbarkeit. Genau deshalb bauen wir Tucano.


Nicht als weiteres KI-Tool oder als Chatbot, nicht als technisches Experiment. Sondern als Antwort auf eine Frage, die uns seit langer Zeit beschäftigt: Wie können mehr Menschen von Wissen, Erfahrungen und Best Practices profitieren, ohne dass jede einzelne Interaktion zwangsläufig eins zu eins stattfinden muss? Wie können wir das, was wir gelernt haben, so zugänglich machen, dass auch die Menschen, Marketers, CMO's, Verantwortliche für Growth einer Marke, ohne tiefes KI Know How und einem Mangel an Zeit sich das notwenige Wissen anzueignen, davon profitieren, die wir niemals persönlich begleiten werden?


Dabei geht es für uns nicht darum, Menschen zu ersetzen. Im Gegenteil, die interessantesten Anwendungen von KI, die wir aktuell sehen, ersetzen keine Expertise. Sie machen Expertise skalierbar. Sie helfen dabei, Wissen verfügbar zu machen, Zusammenhänge schneller herzustellen und Menschen genau dann zu unterstützen, wenn sie Orientierung benötigen. Die eigentliche Wertschöpfung bleibt dabei zutiefst menschlich. Denn kein Modell kennt die Herausforderungen eines Kunden. Kein Modell versteht die Dynamik eines Marktes und ein Modell entwickelt keinesfalls unternehmerische Intuition.


Was KI jedoch leisten kann, ist bemerkenswert. Sie kann helfen, dieses Wissen zu strukturieren. Sie kann helfen, Muster sichtbar zu machen. Sie kann helfen, Antworten schneller zugänglich zu machen und genau deshalb sehen wir Agenten nicht als Ersatz für Menschen, sondern als Verstärker menschlicher Fähigkeiten.


Spannend war für mich deshalb auch, wie offen Anthropic darüber gesprochen hat, wie Claude intern eingesetzt wird. Die interessantesten Einblicke drehten sich nicht um technische Fähigkeiten. Sie drehten sich um Wirkung. Immer wieder tauchte dieselbe Frage auf:

„How do you translate raw model capability into tangible business outcomes?“

Diese Frage trifft aus meiner Sicht den Kern der aktuellen Entwicklung. Die Fähigkeit, etwas technisch umzusetzen, verliert zunehmend ihren Status als Wettbewerbsvorteil. Fast jede Idee kann heute prototypisch entwickelt werden. Fast jeder Prozess kann automatisiert werden. Fast jedes Problem kann technisch adressiert werden. Der eigentliche Unterschied entsteht dort, wo Menschen verstehen, welche Probleme überhaupt gelöst werden sollten und welchen konkreten Wert eine Lösung für Kunden erzeugt. Vielleicht erklärt das auch, warum mich ein weiteres Learning des Tages nicht mehr loslässt:

„Don’t be afraid to kill it. Re-rolling beats repairing.“

Dieser Satz beschreibt eine Denkweise, die für die aktuelle Phase von Produktentwicklung entscheidend sein könnte. Viele Unternehmen wurden in einer Welt aufgebaut, in der Entwicklung teuer war. Wenn etwas gebaut wurde, musste es erhalten werden. Wenn Zeit investiert wurde, durfte diese Investition nicht verloren gehen. Doch wenn die Kosten für Entwicklung sinken und Iterationen nahezu in Echtzeit möglich werden, verändert sich auch die Art, wie gute Produkte entstehen. Wir erleben das bei der Weiterentwicklung von TUCANO jeden Tag. Hypothesen werden getestet, Agenten in der Studioproduktions werden entwickelt, Workflows entstehen. Manche funktionieren sofort und andere verschwinden wieder. Funktionen werden verworfen, neu gedacht oder komplett neu aufgebaut. Nicht weil die ursprüngliche Idee schlecht war. Sondern weil Lernen heute schneller geworden ist als jemals zuvor.


Genau darin liegt vielleicht die größte Veränderung unserer Zeit. Produktentwicklung wird demokratisiert. Umsetzung wird günstiger, die Geschwindigkeit steigt und damit verschiebt sich der Fokus von der Frage „Können wir das bauen?“ hin zur Frage „Sollten wir das überhaupt bauen?“


Die wichtigste Ressource moderner Gründerinnen und Gründer ist deshalb nicht mehr primär Kapital. Sie ist auch nicht Technologie. Die knappste Ressource wird Urteilsvermögen und die Fähigkeit zu erkennen, welches Problem wirklich relevant ist. Die Fähigkeit, Chancen von Ablenkungen zu unterscheiden und die Fähigkeit, genau die Arbeit zu identifizieren, die nur Menschen leisten können.


Wir sprechen häufig darüber, wie KI Arbeit verändert. Tatsächlich verändert KI gerade etwas viel Grundsätzlicheres. Sie verschiebt die Grenze zwischen Umsetzung und Entscheidung. Umsetzung wird günstiger und Entscheidungen werden wertvoller. Und genau deshalb gewinnt der Satz „Pour everything into the part only you can do“ eine neue Bedeutung.

Denn vielleicht besteht die wichtigste Aufgabe von Gründerinnen und Gründern künftig nicht mehr darin, Produkte zu bauen. Sondern darin, die wenigen Probleme zu erkennen, die es wirklich wert sind, gelöst zu werden.


Wenn uns das gelingt, entsteht etwas, das uns bei TUCANO jeden Tag antreibt. Wissen wird zugänglicher und Expertise wird skalierbar. Menschen erhalten Unterstützung, die sie sonst nie bekommen hätten. Gute Lösungen erreichen mehr Menschen und das Wissen weniger kann plötzlich vielen helfen.

Good things rise.

 
 
 

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